Ein seltsamer Spazierritt

Ein seltsamer Spazierritt oder Was die Leute sagen
(frei nach Johann Peter Hebel)
Weit weg von den Menschen lebte ein Vater mit seinem Sohn. Als der Sohn größer wurde, hatte er einen Wunsch. "Ich möchte mich in der Welt umsehen und hören, was andere Menschen so meinen", sprach er zu seinem Vater. Dieser schüttelte den Kopf. "Wünsch Dir das nicht, mein Sohn, jeder sagt nämlich etwas anders. Was Du auch tust, nie kannst Du es allen recht machen." "Das glaube ich nicht", sprach der junge Mann, gab nicht eher Ruhe, bis sich der Vater mit ihm aufmachte. So zogen sie in die Welt hinaus.
Der Vater schritt voran, sein Sohn ging neben ihm, und am Halfter trabte der Esel. So begegnete ihnen ein Bauer, der sprach "Warum lasst ihr den Esel müßig gehen? Er kann doch einen von Euch tragen." Da rief der Sohn: "Der Mann hat recht! Vater, steig auf!" Gesagt, getan. Der Vater setzte sich auf den Esel, und der Sohn lief nebenher, bis sie auf zwei Wanderer trafen.
Einer der Wanderburschen stieß seinen Kumpel in die Rippen uns sagte: "Es ist eine Unverschämtheit, dass der Vater reitet und den Jungen zu Fuß gehen lässt." Sie schüttelten den Kopf und zogen ihres Weges. Vater und Sohn schauten sich an und tauschten die Rollen. Der Sohn ritt auf dem Esel voraus, und der alte Mann lief zu Fuß hinterher.
Bald trafen sie eine Frau, die im Wald Holz gesammelt hatte. Sie schimpfte: "Es ist eine Schande, dass der Vater zu Fuß geht, während das feine Söhnchen reitet." Kopfschüttelnd zog sie weiter. Der Sohn schämte sich und meinte zu seinem Vater: "Die Frau hat recht. Setz Dich zu mir auf den Esel, Vater." Gemeinsam ritten sie weiter, bis ihnen die Kutsche eines feinen Herrn entgegenkam. Sie plauderten über Handel und Wandel miteinander.
Beim Abschied sprach der vornehme Herr: "Der treue Esel wird bald eingehen, wenn er die schwere Last von zwei Personen weiterhin schleppen muss." So beschlossen sie, das Tier gemeinsam zu tragen. Sie banden ihm die Vorderbeine und die Hinterfüße zusammen, steckten eine Stange hindurch und hoben sich jeder ein Ende davon auf die Schulter. Ein paar Stunden hatten sie den Esel geschleppt, als sie an eine Wirtshaus kamen.
Davor saßen fröhliche Leute. Einer schrie: "Seht die Dummköpfe dort! Die tragen ihren Esel, anstatt auf ihm zu reiten!" Alle lachten. "Wenn die beiden schon nicht reiten wollen, warum führen sie den Esel denn nicht am Halfter hinter sich her?" "Warum tun wir nicht, was die Leute sagen?" fragte der Sohn.
"Weil wir so von zu Hause losgezogen sind", antwortete der Vater. "Um es allen recht zu machen, sind wir beide geritten. Wir haben den Esel sogar getragen." "Kann man es denn keinem Menschen recht machen?" fragte der Junge. "Nein, das kann man nicht, mein Sohn, wie Du ja selbst gesehen hast", sprach der weise Vater, "komm, lass uns nach Hause gehen!"
Beide waren froh und glücklich, als sie abends wieder in ihrer Hütte saßen. Es recht zu machen Jedermann, ist eine Kunst, die niemand kann!